Die Gebäude- und Wohnungsbaugesellschaft Wernigerode (GWW) hat für ihr Sonnenhaus die „Grüne Hausnummer Plus" erhalten – als erster Mehrfamilienhaus-Neubau in Sachsen-Anhalt. Energieminister Prof. Dr. Armin Willingmann und LENA-Geschäftsführer Marko Mühlstein überreichten die Auszeichnung vor Ort in Wernigerode. Das Projekt soll nun als Referenzmodell für energieeffizientes Bauen im Osten Deutschlands dienen.
Was die Grüne Hausnummer Plus bedeutet
Die „Grüne Hausnummer Plus" ist ein Qualitätssiegel der Länderakademie für Nachhaltigkeit (LENA) und zeichnet Gebäude aus, die deutlich über die gesetzlichen Anforderungen an Energieeffizienz hinausgehen. Im Fall des GWW-Sonnenhauses bedeutet das: Der Neubau nutzt überwiegend regenerative Energiequellen, primär Solar. Die Auszeichnung ist damit nicht nur ein symbolischer Akt, sondern ein Nachweis für ein funktionierendes Gesamtkonzept aus Photovoltaikanlage, Energiespeicher und Energiemanagementsystem.
Dass es sich um den ersten prämierten Mehrfamilienhaus-Neubau des Bundeslandes handelt, ist bemerkenswert: Während Einfamilienhäuser mit Solartechnik längst Standard sind, stellt die Integration in Mehrfamilienhäuser höhere Anforderungen an Planung, Lastverteilung und Abrechnungslogik. Gerade in Bestandsquartieren und Mietwohnungsbau ist der Nachholbedarf hoch – nicht nur in Sachsen-Anhalt.
Welche Technologie steckt im Sonnenhaus-Konzept
Der Begriff „Sonnenhaus" ist kein Marketingbegriff, sondern bezeichnet ein technisches Konzept: Mindestens 50 Prozent der Energieversorgung für Heizung und Warmwasser stammen aus Solarenergie. Im Fall des GWW-Projekts wird diese Schwelle deutlich überschritten. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach deckt den Strombedarf der Wohnungen sowie der Haustechnik. Der erzeugte Strom wird über einen Wechselrichter ins Gebäudenetz eingespeist und bei Überschuss in einem zentralen Energiespeicher zwischengelagert.
Die Steuerung übernimmt ein Energiemanagementsystem, das den Verbrauch der einzelnen Parteien erfasst und den Eigenverbrauch priorisiert. Überschüsse werden ins Netz eingespeist, Defizite aus dem Speicher oder dem Netz bezogen. Dieses Zusammenspiel aus Erzeugung, Speicherung und Lastmanagement ist entscheidend für die Wirtschaftlichkeit – und für die Reproduzierbarkeit des Modells.
Sonnen als Technologiepartner: Rolle des Batteriespeichers
Als Technologiepartner wurde Sonnen eingebunden, ein Anbieter von Batteriespeichersystemen und Energiemanagement-Lösungen. Sonnen liefert nicht nur den Speicher, sondern auch die Software zur Steuerung und Abrechnung des Stroms innerhalb des Mehrfamilienhauses. Das ist ein zentraler Unterschied zu klassischen PV-Anlagen im Einfamilienhaus: Die Aufteilung des Solarstroms auf mehrere Parteien erfordert eine intelligente Messtechnik und ein transparentes Abrechnungsmodell, das den Mietern Einblick in ihren Verbrauch und ihre Einsparungen gibt.
Das Sonnen-System ermöglicht dabei auch eine dynamische Tarifgestaltung: Selbst erzeugter Strom wird zu einem Vorzugspreis verrechnet, zugekaufter Strom zu Marktkonditionen. Für Mieter entsteht so ein direkter finanzieller Anreiz, den Verbrauch in Zeiten hoher Eigenerzeugung zu verlagern – etwa Waschmaschine oder E-Auto-Laden auf die Mittagszeit.
Skalierbarkeit: Lässt sich das Modell reproduzieren?
Die zentrale Frage für die Branche lautet: Ist das GWW-Projekt ein Einzelfall oder ein Blueprint? Die technischen Komponenten sind am Markt verfügbar und standardisiert. Die Herausforderung liegt weniger in der Technik als in der Projektierung: Gebäudegeometrie, Dachausrichtung, Anzahl der Wohneinheiten und Lastprofil müssen zueinander passen. Ein Mehrfamilienhaus mit ungünstiger Ausrichtung oder zu vielen Wohneinheiten im Verhältnis zur verfügbaren Dachfläche wird die 50-Prozent-Marke nicht erreichen.
Ein weiterer Faktor ist die Finanzierung. Für Wohnungsbaugesellschaften rechnet sich die Investition in Solartechnik langfristig über niedrigere Betriebskosten und höhere Attraktivität auf dem Mietmarkt. Für private Bauherren oder Projektentwickler mit kurzfristigem Exit-Horizont ist die Amortisationsdauer oft zu lang. Hier könnten Förderinstrumente wie die „Grüne Hausnummer Plus" helfen, indem sie die Sichtbarkeit und Vermarktbarkeit solcher Projekte steigern.
Referenzwirkung für Ostdeutschland
Das GWW-Sonnenhaus steht nicht isoliert. In Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern gibt es erheblichen Sanierungsbedarf im Wohnungsbestand – und zugleich eine hohe PV-Ausbaudynamik. Laut Bundesnetzagentur lag der PV-Zubau in Sachsen-Anhalt 2025 bei über 1,5 Gigawatt, ein Großteil davon auf Freiflächen. Der Mehrfamilienhausbereich ist dagegen unterrepräsentiert.
Das Wernigeroder Projekt zeigt, dass Mieterstrommodelle und zentrale Speicherlösungen auch in kleineren Kommunen funktionieren. Es ist kein Großstadtprojekt, sondern ein kommunales Wohnungsbauvorhaben in einer Stadt mit knapp 33.000 Einwohnern. Diese Übertragbarkeit auf kleinere Standorte ist ein wichtiges Signal für Genossenschaften und kommunale Wohnungsbaugesellschaften in strukturschwächeren Regionen.
Einordnung: Was fehlt zur breiten Marktdurchdringung?
Die Auszeichnung ist ein Erfolg für die GWW und ein Beleg dafür, dass Sonnenhaus-Konzepte im Mehrfamilienhaus technisch ausgereift sind. Zur breiten Marktdurchdringung fehlen jedoch standardisierte Planungsleitfäden, einheitliche Abrechnungsmodelle und Fortbildungsangebote für Installateure. Auch die Integration von Ladeinfrastruktur für E-Mobilität ist noch nicht abschließend gelöst: Wallboxen im Mehrfamilienhaus müssen ins Lastmanagement eingebunden werden, um Netzüberlastung zu vermeiden – ein Thema, das parallel zur PV-Integration bearbeitet werden muss.
Für Elektroinstallateure bedeutet das Projekt: Die Nachfrage nach Eigenverbrauchsoptimierung und Mieterstrommodellen wird steigen. Wer sich mit Energiemanagementsystemen, Speichertechnik und intelligenter Messtechnik auskennt, positioniert sich in einem wachsenden Markt. Das GWW-Sonnenhaus ist ein Referenzfall – aber längst nicht der letzte.
Weitere Informationen zu Förderprogrammen und technischen Standards im PV-Bereich finden sich bei Swissolar, das ähnliche Leitfäden auch für den deutschsprachigen Raum bereitstellt.
